Viktor Korchnoi – für viele Schachfans der beste Spieler aller Zeiten, der nie Weltmeister wurde – ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Unter dem Spitznamen „Viktor, der Schreckliche“, der Ausdruck seines legendären Kampfgeistes ist, gewann Korchnoi vor seiner Ausreise viermal die Meisterschaft der UdSSR, unterlag dreimal in WM-Kämpfen und gewann gegen alle Weltmeister von Botvinnik bis Kasparov Partien. Mit 75 Jahren war er immer noch unter den Top 100 der Welt, schlug mit 79 Jahren Fabiano Caruana und ließ sich 2012 selbst von einem Schlaganfall nicht davon abhalten, weiter Wettkampfschach zu spielen.

 

Viktor Korchnoi im Jahr 2011 beim San Sebastian Open | Foto: David Llada

 

Die traurige Nachricht vom Tode Viktor Korchnois wurde gestern von Chess-News übermittelt, die Seite meldete, dass Korchnoi in seinem schweizerischen Heimatort Wohlen um etwa 15.30 Uhr gestorben sei. Letzte Woche war er wegen einer Blutung ins örtliche Krankenhaus eingeliefert worden. Sein Tod ist ein großer Verlust für die Schachwelt und trotz seines hohen Alters ein Schock. Vishy Anand fand via Twitter bewegende Worte:  

Die Schachwelt hat ihren größten Kämpfer verloren. Ruhe in Frieden, Viktor Korchnoi. Wir haben so viel von dir gelernt. Als er gegen Karpov in Baguio um die WM spielte, war ich vor Ort und es kam mir zum ersten Mal in den Sinn, wie es wäre, Weltmeister zu werden. Ich hatte das Privileg, gegen ihn antreten zu dürfen. Er gab nie auf und erklärte uns anderen immer ausführlich die Stellung. Sein Kampf auf dem Schachbrett und abseits des Schachbretts wird immer seinen festen Platz in der Schachgeschichte haben. Ich bin froh, dass ich ihn dieses Jahr noch einmal in Zürich getroffen habe. Er rügte mich immer wegen meines zu schnellen Spiels. Er war ein Schachspieler im ureigensten Sinne. Ohne seinesgleichen. Wir denken an Petra und beten für sie. Sie war immer eine große Quelle der Inspiration für ihn. Die Schachwelt wird Viktor vermissen. Ich persönlich werde sein typisches Lachen und seine Liebe zum Schach vermissen. Es war wunderbar, dass die Veranstalter der Zürich Chess Challenge Viktor als Ehrengast einluden. Bei jedem Turmendspiel dachte ich, was würde Viktor sagen, wenn er mir zusieht?

Vor 69 Jahren machte sich Viktor Korchnoi mit seinem Sieg bei der Jugendmeisterschaft der UdSSR 1947 erstmals einen Namen. Sein Aufstieg danach verlief langsam, aber stetig – im Alter zwischen 30 und 40 Jahren gewann er viermal die Meisterschaft der Sowjetunion und in den 1970er-Jahren durfte er um die höchste Schachehre überhaupt kämpfen. Das Kandidatenturnier 1974 gegen Anatoly Karpov ging als WM-Kampf in die Geschichte ein, weil Bobby Fischer auf eine Titelverteidigung verzichtete. Korchnoi verlor 11,5 zu 12,5, sorgte aber vier Jahre später für einen erbittertsten Wettkämpfe um die Weltmeisterschaft überhaupt, als er nur zwei Jahre nach seiner Ausreise aus der Sowjetunion 1978 im philippinischen Baguio City erneut gegen Karpov antrat.

 


 

 

Obwohl er erneut verlor, gilt dieser Wettkampf vielfach als Höhepunkt von Korchnois Karriere. Mit seinem Kampfgeist war es Korchnoi gelungen, mit drei Siegen aus den letzten vier Partien nach 31 Partien auszugleichen, doch leider verlor er danach die 32.Partie und damit auch den WM-Kampf. Sein letztes WM-Match gegen Karpov im Jahr 1981 erwies sich als bittere Erfahrung. Mit 50 Jahren verlor Korchnoi mit 6 zu 2, überschattet wurde seine Niederlage aber von der Inhaftierung seines Sohnes.

Im nächsten WM-Zyklus musste sich Korchnoi der Naturgewalt des jungen Garry Kasparov beugen, und danach er schaffte es nicht mehr, sich noch einmal für einen WM-Kampf zu qualifizieren, doch die letzten 35 Jahren seines Lebens waren alles andere als ein leiser Abgang. Im Alter von fast 80 Jahren gewann Korchnoi die Schweizer Meisterschaft, nachdem er zuvor den noch jungen, aber bereits sehr starken Fabiano Caruana besiegt hatte. In ihm brannte stets ein Feuer, wie Nigel Short humorvoll festhält:

 

 

 

 

Nigel Short: "Lebwohl, Viktor Lvovich. Er war ein streitsüchtiger und sturer alter Bock, aber ein großartiger Schachspieler. Vielen Dank für die vielen Schlachten, die wir in den letzten 40 Jahren austrugen."

Olimpiu G. Urcan: "Julian Hodgson, Nigel Short, Leonard Barden und Victor Korchnoi, 1976 in London"

Es gibt unzählige Beispiele für Korchnois messerscharfen Verstand, und die meisten seiner Opfer waren stolz darauf, zu den Gehörnten zu gehören. David Navara etwa erinnert sich:

Ende 2003, ich war damals 18 Jahre alt, spielte ich mein erstes Match in Prag. Mein Gegner war der berühmte Viktor Lvovich Korchnoi. Wir spielten nur zwei Partien. In der ersten rettete ich mich als Weißer ins Remis, erhielt aber in der zweiten nach einem Bauernopfer durchschlagenden Angriff und gewann. Mein Gegner war nach der Partie ein wenig sauer und verließ den Spielsaal. Als ich den Zuschauern einige Varianten zeigte, kam Viktor Lvovich jedoch zurück und schlug eine Verbesserung vor, die ich mit dem Hinweis, die Stellung sei danach unklar, zurückwies. Die Antwort des berühmten Großmeister lautete: „Nur für dich!“

Im August 2011 gab der 80-jährige Viktor Korchnoi ein Interview, in dem er eine wundervolle (wenn auch kaum gerechtfertigte) Tirade gegen Rustam Kasimdzhanovs Vorschlag, wie man beim Schach die vielen Remis vermeiden könne, auspackte:

Es gibt keine Krise im Schach, und Vorschläge wie die von Kasimdzhanov sind furchtbar. Ich erkenne ihm den Titel “Ex-Weltmeister” ab. Sogar das “Ex"! (lacht)

Im selben Interview erfährt man auch, welch unglaublichen Fleiß Korchnoi noch im fortgeschrittenen Alter an den Tag legte und so weiter im Spitzenschach mithalten konnte:

Rubinstein sagte, er arbeitete 300 Tage pro Jahr an seinem Schach, spielte 60 Tage und erholte sich fünf Tage. Wie sieht es bei Ihnen aus?  

Offenbar arbeite ich mehr an meinem Schach als Rubinstein, denn selbst an den Tagen, an denen ich mich erhole, tue ich dies mit einem Schachbrett.

Können Sie einen normalen Arbeitstag von sich beschreiben?

Ich arbeite so lange, wie eine Schachpartie dauert. Zu meiner Zeit dauerte eine Schachpartie mindestens fünf Stunden, also arbeitete ich fünf Stunden. Mittlerweile haben sie Schach schneller gemacht, daher muss man etwa vier Stunden spielen und genauso lange pro Tag arbeiten. Ich versuche das jeden Tag zu schaffen.

Glücklicherweise gibt es unzählige Videos mit Viktor Korchnoi, darunter auch das folgende, in dem seine Wettkämpfe gegen Karpov, sein Training und seine unvergessliche Beschreibung des 12. Weltmeisters vorkommen:

 

 

Sein Name ist Karpov – das kommt von Karpfen, also Fisch, und er ist kalt wie ein Fisch. Und sein Gehirn arbeitet exakt, präzise … eben wie ein Fisch! Er hat weder die Tendenz, seine Stellung zu unterschätzen, noch zu überschätzen. Dies ist seine größte Stärke beim Schach. Er ist nicht kreativ – weder in der Eröffnung noch im Endspiel. Er ist wie ein guter Schüler. Nicht mehr.

Hier einige weitere Interviews von Macauley Peterson und Peter Doggers, die aus dem Jahr 2008...

 

 

...und 2011 stammen:

 

 

Zwar kehrte Korchnoi nach seinem Schlaganfall im Jahr 2012 noch einmal ans Schachbrett zurück, doch mussten er und seine Frau eine geeignete neue Unterkunft finden. Wie Vlad Tkachiev in der Einführung seines Artikels Ist Ivanchuk ein Genie? feststellt, verschwand das Schachspiel nie aus Korchnois Gedanken:

Dezember 2013, Schweiz, in der kleinen Stadt Wohlen in der Nähe von Zürich, 13:02 Ortszeit. In der Kantine des örtlichen Altersheims beobachten uns etwa zwanzig Senioren aufmerksam – eine dreiköpfige Gruppe, die aus Moskau angereist ist. Irgendwie scheinen sie nicht glauben zu wollen, dass Viktor Lvovich Korchnoi hier lebt, was womöglich den Umweg erklärt, den wir einschlagen. Schließlich geht in einem oberen Stockwerk eine Tür auf: „Wo zum Teufel wart ihr – ich warte schon eine geschlagene Stunde auf euch!“ Alles ist gut – „Viktor, der Schreckliche“ ist nach seinem Schlaganfall weiterhin in Angriffslaune. Direkt auf dem Flur steht ein Holzschachbrett, auf dem die Stellung der Partie Carlsen-Ivanchuk aus London aufgebaut ist. Willkommen im Museum des Paralleluniversums der Schachgeschichte, wo sich die großen Helden befinden, die nie Weltmeister wurden – Keres, Bronstein, der Besitzer dieser Wohnung. Und natürlich Vassily Ivanchuk.

Wir sind mit unseren Gedanken bei Viktors Frau Petra und seiner Famile. Möge er in Frieden ruhen

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